Was braucht es eigentlich, damit jedes Kind – unabhängig davon, wo in Schweden es lebt – auf sichere Führungspersonen und ein gutes Fußballumfeld trifft?
Wir haben mit Carola Söberg, Ausbildungsleiterin, und Elias Mineirji, Entwicklungsleiter, beim Schwedischen Fußballverband gesprochen. Das Gespräch bewegte sich schnell von Struktur und Organisation hin zu etwas Größerem: Lernen als entscheidender Faktor dafür, sowohl den schwedischen Fußball als auch Schweden selbst in Bewegung zu halten.

Eine Bewegung, die vom Alltag getragen wird
Der schwedische Fußball ist eine der größten Volksbewegungen des Landes. Doch anders, als er oft dargestellt wird, geht es dabei nicht in erster Linie um Spitzenfußball oder Nationalmannschaften, sondern um den Alltag in Vereinen im ganzen Land.
Innerhalb der Abteilung für Fußballentwicklung arbeiten mehrere Teams parallel an Spielerentwicklung, Ausbildung und Unterstützung der Bezirke. Ein großer Teil der Arbeit findet nicht nur zentral statt, sondern direkt vor Ort – nah am tatsächlichen Vereinsalltag.
„Wir arbeiten vor allem mit den Bezirken zusammen, die wiederum die Vereine unterstützen“, erklärt Elias. „Viele unserer Mitarbeitenden sind draußen im Feld unterwegs und treffen Trainerinnen, Trainer und Vereine dort, wo die Arbeit tatsächlich stattfindet.“
Das bedeutet, dass Bildungsarbeit gleichzeitig auf mehreren Ebenen funktionieren muss. Zentrale Inhalte müssen lokal relevant werden. Strategien müssen in der Praxis funktionieren. Und alles muss zusammenpassen, obwohl die Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind.
Besonders deutlich wird das beim Thema Geografie.
„Soll ein Trainer aus Lycksele für eine Ausbildung nach Luleå oder Umeå reisen? Das ist schon eine ziemlich weite Strecke“, sagt Carola.
Was in einer Großstadt eine einfache Fahrt sein kann, wird in anderen Teilen des Landes schnell zu einem größeren Projekt. Das beeinflusst sowohl die Teilnahme als auch den Zugang zu Bildungsangeboten.
Zugänglichkeit wird deshalb nicht nur zu einer praktischen Frage, sondern zu einem entscheidenden Faktor für Chancengleichheit.

Wenn Struktur entscheidend wird
Lange Zeit basierte Ausbildung im Sport vor allem auf Präsenzveranstaltungen und gedruckten Materialien. Das hat funktioniert – hatte aber auch seine Grenzen.
Die Logistik ist ein Teil der Herausforderung. Carola und Elias beschreiben, wie enorm der Umfang werden kann.
„Stellt euch acht Bücher pro Teilnehmerin oder Teilnehmer vor – und multipliziert das dann mit 10.000“, sagt Elias.
Doch die Herausforderung ist nicht nur praktisch, sondern auch pädagogisch.
Frühere digitale Lösungen hatten oft keine klare Struktur. Es war schwierig zu erkennen, welche Fortschritte man machte, was wirklich wichtig war und wie die einzelnen Teile zusammenhingen.
„Es gab keinen klaren Lernpfad. Man klickte sich einfach durch und verlor schnell den Überblick darüber, wo man gerade war“, sagt Carola.
Deshalb ist die Entwicklung einer klareren Struktur zu einem zentralen Bestandteil der Weiterentwicklung geworden. Ein durchdachter Lernpfad macht es einfacher, sich zu orientieren, Wissen Schritt für Schritt aufzubauen und die Ausbildung tatsächlich abzuschließen.
Außerdem eröffnet er neue Möglichkeiten, verschiedene Lernformate bewusster einzusetzen – ein Thema, das im Gespräch immer wieder auftauchte.
Ein Perspektivwechsel
Die vielleicht größte Veränderung betrifft weder Technologie noch Struktur, sondern eine neue Denkweise.
Die meisten Teilnehmenden der Ausbildungen sind keine professionellen Trainerinnen oder Trainer. Es sind Eltern, die sich engagieren – Menschen, die direkt aus ihrem Arbeits- und Familienalltag in eine Führungsrolle wechseln.
Das stellt ganz andere Anforderungen an die Gestaltung von Bildungsangeboten.
„Sie kommen von der Arbeit, fahren direkt zum Training und müssen alles dazwischen organisieren. Sie zu erreichen, ist immer die größte Herausforderung“, sagt Elias.
Das hat zu einem klaren Wandel geführt: weg von Ausbildung zu den Bedingungen der Organisation – hin zu Ausbildung zu den Bedingungen der Teilnehmenden.
„Wie können wir Ausbildung zu ihren Bedingungen anbieten? Zwischen Kochen, Abholen und Bringen.“
Dabei geht es nicht nur um zeitliche Flexibilität, sondern auch um Relevanz. Die Inhalte müssen unmittelbar nutzbar sein. Die Struktur muss leicht verständlich sein. Und Unterstützung muss auch nach Abschluss der Ausbildung verfügbar bleiben.
Denn die schwierigen Situationen entstehen in der Realität nicht während des Kurses – sondern draußen auf dem Spielfeld, mitten im echten Leben.

Wenn Lernen echte Wirkung entfaltet
Als wir über den Umfang der Ausbildungsmaßnahmen sprechen, fällt eine Zahl: Rund 10.000 Trainerinnen und Trainer absolvierten innerhalb eines Jahres die erste Einstiegsqualifikation.
Doch das ist erst der Anfang der Geschichte.
„Alle unsere Ausbildungen sollen sich auf jede einzelne Spielerin und jeden einzelnen Spieler auswirken“, sagt Elias.
Jede ausgebildete Trainerin und jeder ausgebildete Trainer begegnet jede Woche Kindern. Und rund um jedes Kind gibt es weitere Menschen – Eltern, Geschwister und andere Erwachsene.
Die Wirkung des Lernens breitet sich aus.
„Dann sprechen wir plötzlich von Millionen“, fährt er fort.
Deshalb geht es bei Fußballausbildung auch um Werte und Verhaltensweisen. Wie man führt. Wie man Menschen begegnet. Wie man ein Umfeld schafft, in dem Kinder weitermachen möchten.
Und genau das führt zu einer der wichtigsten Fragen für die Zukunft.
Das „Sicherheitslotterie“-Prinzip abschaffen
Ein Begriff kam im Gespräch immer wieder auf: die „Sicherheitslotterie“.
Er beschreibt etwas, das viele kennen – nämlich dass die sportliche Erfahrung eines Kindes stark davon abhängen kann, welche Trainerin oder welchen Trainer es zufällig bekommt.
Genau das möchte der Schwedische Fußballverband verändern.
„Es darf kein Glücksspiel sein, in welchem Umfeld Kinder landen“, sagt Carola.
„Wir tragen die Verantwortung dafür, dass alle, die mit unseren Kindern arbeiten, Zugang zu den richtigen Werkzeugen haben und auf einem guten Wertefundament aufbauen. Vielleicht sogar dafür, dass alle eine gezielte Ausbildung absolvieren.“
Im Kern geht es darum, einen gemeinsamen Standard zu schaffen – ein Mindestniveau, das dafür sorgt, dass mehr Kinder unabhängig von ihrem Wohnort positive Erfahrungen machen.
Der nächste Schritt: noch besser zuhören
Als wir Carola bitten, einen Blick in die Zukunft zu werfen, ist ihre Antwort klar. Der Fokus liegt nicht darauf, immer mehr aufzubauen, sondern darauf, die richtigen Prioritäten zu setzen.
„Wir haben eine gute Struktur und ein stabiles Fundament geschaffen. Der nächste Schritt besteht darin, uns weiterzuentwickeln, indem wir noch genauer auf die Bedürfnisse vor Ort hören. Das, was wir priorisieren, soll im Alltag echten Mehrwert schaffen.“
Dazu gehört auch die Weiterentwicklung der verschiedenen Lernformate.
„Wann sollte etwas vor Ort stattfinden? Wann funktioniert digital am besten? Und wann ist ein hybrider Ansatz der richtige Weg?“
Es gibt keine Universallösung. Unterschiedliche Zielgruppen, Situationen und Regionen des Landes erfordern unterschiedliche Ansätze.
„Verschiedene Formate haben unterschiedliche Stärken. Unsere Aufgabe ist es, sie dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen und die größte Wirkung auf das Lernen entfalten – und langfristig die stärksten Verhaltensänderungen bewirken.“
Genau dort hört Ausbildung auf, etwas zu sein, das man einfach „macht“, und beginnt, tatsächlich Veränderung zu schaffen.

Dort, wo alles beginnt
Als wir das Gespräch beenden, landen wir wieder dort, wo eigentlich alles begann. Nicht bei Strukturen, Systemen oder Formaten – sondern im Alltag.
- Bei Kindern, die sich auf das nächste Training freuen.
- Bei Führungspersonen, die sich in ihrer Rolle sicher fühlen.
- Bei Umfeldern, in denen man gerne Zeit verbringt.
Dort kommt der schwedische Fußball ins Rollen.
Und alles beginnt damit, den Menschen, die Woche für Woche mitten darin stehen, die richtigen Voraussetzungen zu geben.








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